Sozialpraktikum der 10. Klassen

Für drei Wochen verbrachten alle Schülerinnen und Schüler der Klasse zehn vom 03.06. bis 20.06.2019 ein Prak­ti­kum in einer Förder­einrichtung für ältere Men­schen, Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Ein­schränkungen oder in anderen sozialen Ein­richtungen, die sich für andere Menschen einsetzen.

Austausch

Am Freitag, den 21.06.2019 tauschten sich alle klassen­weise über ihre gewonnenen Erfah­rungen aus und berichteten von ihrer Zeit in Alten- und Pflegeheimen, Behinderten­werkstätten, Kranken­häusern, Kinder­gärten und anderen Einrichtungen der Stadt Hamburg. Durch den Kontakt mit Bereichen, die zumeist außerhalb ihrer Lebens- und Erfahrungswelt lagen, haben sie eigene Stärken und Grenzen erfahren und somit ihre Selbst- und Sozial­kompetenz gesteigert. Diese Zeit bot den Schülerinnen und Schülern die Chance ihren Horizont zu erweitern, das soziale Umfeld unserer Stadt kennen­zu­lernen und sich im sozialen Bereich zu engagieren.

Am vorletzten Tag vor den Sommerferien berichteten die 10. Klässler den 9. Klässlern von ihren neuen Erfahrungen und Eindrücken klassenweise in einer Austauschrunde „9 trifft 10“. So bekamen die 9. Klässler schon zahlreiche Anregungen, wo sie im neuen Schuljahr einen Platz suchen könnten. (Lp)

Berichte

01_Sozialpraktikum Klasse 10: 3 Wochen im Kindergarten

Ich habe mein Praktikum in der Kita „Elbkinder“ in der Schedestraße absolviert. „Sozialpraktikum“ — vor unserem Praktikum wurden wir gefragt, was wir uns erhoffen würden. Die meisten Antworten waren Spaß oder kurze Arbeitszeiten, so auch meine. Aber ich denke, ich habe viel mehr bekommen als erhofft.

Meine Arbeitszeiten waren normal. Mein Tag begann um 9:00 Uhr. Zuerst gab es Frühstück, danach machten wir manchmal einen Morgenkreis, in dem wir über das Wochenende sprachen und Lieder sangen oder kleine Spiele spielten. Die Kinder begannen zu spielen, malen, basteln. Zwischendurch gingen einige zum Musikunterricht oder in die Vorschule. Gegen kurz nach zwölf gab es Mittagessen und um 15:00 Uhr endete mein Tag. Meine Aufgaben beliefen sich darauf, mit den Kindern zu spielen und die Erzieher zu unterstützen, wobei ich einen guten Einblick in den Kita-Alltag gewann. An diesen Alltag gewöhnte ich mich auch sehr schnell.

Aber was waren nun die Besonderheiten in dem Praktikum?

Die Gruppe, in der ich war, hatte einen kleinen Unterschied zu anderen Kita-Gruppen, sie ist eine Inklusionsgruppe. Das heißt, sie hat auch Kinder die in einigen Teilen kleine „Defizite“ aufweisen, zum Beispiel im Sprechen oder im Sozialleben. Allerdings hatte ich bis zum dritten Tag keine Ahnung, wer diese Kinder waren. Bei einzelnen konnte ich es erahnen, aber auf alle wäre ich nie gekommen. Eine Erzieherin sagte mir die Namen. Die Unwissenheit lag aber nicht an meinem Verhalten, sondern an dem der Kinder. Kinder behandeln einander alle gleich, vor allen Dingen in dem Alter spiegeln sie nicht wider, wer „anders“ ist, sondern beurteilen alle ganz offen nach ihrem Charakter. Das habe ich auch bei mir selber beobachtet. Die Kinder gingen ganz offen auf mich zu, integrierten mich in ihr Spielen, ohne dabei auf Äußerlichkeiten einzugehen.

Wer allerdings auf die „Defizite“ der Kinder eingeht sind die Erzieher. Sie sind die, die von Anfang an probieren den Kindern zu helfen, damit diese normal wie jedes andere Kind mit 6 Jahren zur Schule gehen können. Zu ihrer Unterstützung hatten sie eine Ergotherapeutin, Physiotherapeutin und Logopädin. Die Therapeuten kamen an einem Tag in der Woche und arbeiteten dann mit den Kindern. Die Therapie war sehr durch das Spielen geprägt. Aber um überhaupt so weit zu kommen, dass die Kinder Therapie erhalten, müssen die Erzieher viel Arbeit leisten. Der erste Schritt ist es, überhaupt erst einmal zu erkennen, welches Kind „Hilfe“ braucht. Danach müssen sie sich mit den Eltern auseinander setzen, was in manchen Fällen nicht so einfach ist. Und zu guter Letzt müssen sie, einen Inklusionsstatus beantragen, welcher die Freigabe zur nötigen Förderung zu Folge hat. Für diesen Inklusionsstatus allerdings braucht man Gutachten… Es ist nicht immer einfach, dorthin zukommen, wenn das Kind vielleicht nicht so starke „Defizite“ hat, die allerdings Förderung benötigen.

Fazit: Ich kann sagen, dass ich ein sehr schönes und lehrreiches Sozialpraktikum absolvieren durfte. Zum einen wurde ich sowohl von den Erziehern, als auch von den Kindern mit offenen Armen empfangen. Zum anderem habe ich gelernt, dass Erzieher nicht gleich bedeutet, den ganzen Tag mit Kindern zu spielen, sondern ein sehr vielfältiger Job ist. Es ist beeindruckend zu sehen, was Erzieher jeden Tag leisten, um die Kinder in die richtige Richtung zu leiten und ihnen bei Startschwierigkeiten zu helfen. Ich empfehle jedem, diese einzigartige Erfahrung eines Sozialpraktikums zu machen, durch die Offenheit und die Freundlichkeit, die mir dort entgegengebracht wurde, durfte ich ein unvergessliches Sozialpraktikum absolvieren.

von Ailin Wu


02_Sozialpraktikum 2019 in Kita

Mein Sozialpraktikum habe ich in einer Kita verbracht. Da ich damals selber genau diese Kita besucht habe, sprach mich ein Praktikum dort besonders an.

Ich habe jeden Morgen um 8:30 Uhr angefangen. Um 9:00 Uhr haben wir gefrühstückt. Anschließend sind wir auf den Spielplatz gegangen, bis es dann zum Mittagsessen um 11:00 Uhr wieder zurückging. Nach dem Essen hielten die Kinder Mittagsschlaf und in der Zeit hatte ich meine halbstündige Mittagspause. Am Nachmittag stand nur noch Spielen, Basteln und „Snacken“ auf dem Programm. Um 15:30 Uhr hatte ich Feierabend.

Zu meinen Hauptaufgaben gehörte es, mich mit den Kindern zu beschäftigen und mich um sie zu kümmern. Ebenfalls konnte ich ihnen helfen, wenn sie Hilfe brauchten, z.B. beim Händewaschen nach dem Essen. Die Erzieher unterstützte ich, indem ich beim Geschirrabräumen und aufräumen half und an einigen Tagen Kleinigkeiten für die Kita einkaufte. Da das Kita-Sommerfest anstand, habe ich auch bei den Vorbereitungen helfen dürfen.

Das Arbeitsklima war super. Die Erzieher waren sehr freundlich und man konnte gegenseitig schnell Vertrauen aufbauen. Auch die Kinder waren sehr offen und wollten gleich spielen.

Zusammenfassend war dieses Praktikum eine tolle Erfahrung, bei der ich viel mitgenommen habe. Ich habe gelernt noch besser mit Kindern umzugehen, da ich sie die drei Wochen fast jeden Tag sah und auch die ganze Zeit etwas mit ihnen unternahm. Es ist definitiv aufregender und anstrengender mit mehreren zuerst fremden Kindern in einer Gruppe zu arbeiten, als nur auf Geschwister oder vereinzelt auf Kinder aufzupassen. Eigenschaften, die man in der Kita stärkt, sind vor allem Ausdauer, Geduld und Durchsetzungsvermögen.

Am Ende ist mir der Abschied sehr schwer gefallen, weil man sich in der Zeit an alle gewöhnt hat und nach drei Wochen alles zur Routine geworden ist.

Würde man mir die Frage stellen, ob ich ein Praktikum in der Kita weiterempfehlen könne, würde ich auf jeden Fall mit „ja“ antworten.

von Kajsa Knaack


03_Sozialpraktikum 2019 in Hospiz

»Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben.«

Ich verbrachte mein dreiwöchiges Praktikum in einem Hospiz in Hamburg Harburg, jedoch zögerte ich lange meinem Interesse, in dem Hospiz mein Sozialpraktikum zu absolvieren, nachzugehen, da ich mich vor der Konfrontation fürchtete.
Doch dann überzeugte mich meine Neugier mich emotional herauszufordern und mich dem komplexen Thema Tod zu stellen, ihn hautnah zu erleben und vor allem die Atmosphäre an einem eigentlich unglaublich traurigen Ort zu spüren. Ich wollte mich zwingen zu realisieren, dass Tod kein Alter hat und wir unsere Gesundheit, unser Glück und unser Leben wirklich täglich schätzen müssen und noch nicht einmal Duschen oder Essen für selbstverständlich halten sollten, somit schien das Hospiz für Hamburgs Süden der richtige Ort, sich meinem Vorsatz zu stellen.
Das ›Hospiz für Hamburgs Süden‹ setzt seinen Aufgabenschwerpunkt in der würdigen Begleitung der todkranken Gäste, in der meist viel zu frühen Endphase ihres Lebens, indem den Gästen eine auf ihre Bedürfnisse angepasste und angenehme Umgebung mit Einzelzimmern und individueller Einrichtung geboten wird. Durch die liebevolle Gestaltung des Hospizes mitsamt Gästezimmern für Angehörige, Gemeinschaftszimmern, offener Küche, Ruheräumen und einem Garten dekoriert mit Blumen, wird den Gästen eine harmonische und friedliche Atmosphäre geschaffen, die den letzten Wünschen und Hoffnungen der Gästen entsprechen.
Mein dreiwöchiges Praktikum wurde in eine Woche Hauswirtschaft (Küche) und zwei Wochen Pflegedienst aufgeteilt. Sowohl in der Hauswirtschaft als auch in der Pflege hatte ich Unterstützung von mindestens einem weiteren Angestellten oder anderen Praktikanten.
In meiner ersten Woche war es zwischen 8 bis 10 Uhr meine Aufgabe ein personalisiertes Frühstück für die Gäste zuzubereiten, die noch essen konnten oder ihnen auf ihren Zimmern Gesellschaft zu leisten. Über den Vormittag und Mittag ging ich zusätzlichen Essens­wünschen der Gäste nach, kaufte im 100 m entfernten Supermarkt ein, kümmerte mich um den Abwasch, backte verschiedene Kuchen für den Nachmittag und bereitete ab 12 Uhr das Mittagessen vor, welches die Gäste immer gerne aßen, da die Küche Allergien, Unver­träg­lichkeiten, Vegetarier und persönliche Vorlieben berücksichtigte und wirklich viel Liebe und Zeit in die Essens­zubereitung steckte.
Durch die Bett­lägerigkeit vieler Gäste brachte ich den meisten Gästen ihre Mahlzeiten auf ihr Zimmer und kam so vielen Gästen schnell näher. Auch wenn ich mich teilweise nur 5 Minuten auf deren Zimmern aufhielt, schätzen die Gäste meine Gesellschaft sehr und schienen von Anfang an sehr offen und zugänglich.
Nach meiner ersten Woche fühlte ich mich schon federleicht und tonnenschwer zur gleichen Zeit, da ich anfänglich nicht damit gerechnet hatte, dass ich als Schüler­praktikantin so will­kommen geheißen werde… aber meine verblei­benden Wochen lehrten mich noch einiges mehr…
In meiner restlichen Zeit, die ich in der Pflege verbrachte, wurde ich täglich einem anderen Pfleger zugeteilt, der mit mir jeweils bis zu drei Gästen pro Tag begleitete. Jeden Morgen fingen wir mit der Grund- bzw. Körperpflege der Gäste an, die wir wuschen, duschten und meistens beim Toiletten­gang unterstützten. Über den Vormittag schauten wir in regel­mäßigen Abständen bei den Gästen vorbei, um deren Wohl­befinden sicher­zustellen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie in der schwierigen Zeit nicht alleine sind. Während des Mittagessens half ich den Gästen oft bei der Nahrungs­aufnahme, musste ihnen ihre verdünnte bzw. zerstampfte Nahrung teilweise in den Bauch spritzen. Durch die intensive Begleitung der Gäste, entwickelte ich schnell ein inniges Verhältnis mit einigen von ihnen. Ich fing an, emotional an genau diesen Gästen zu hängen und kämpfte hoffnungsvoll für sie mit.
Spaziergänge mit zwei sehr lebens­frohen Damen wurden fast zum Ritual und wir lachten wirklich Tränen, während die beiden über ihr Leben, ihre Familie und einprägsame Ereignisse sprachen. Während­dessen vergaßen wir drei komplett, wo wir uns gerade befanden und unter welchen Umständen wir uns kennengelernt hatten. Doch einige Tage später verging mir das Lachen, denn der Zustand der einen Dame hatte sich extrem verschlechtert und ich realisierte zum ersten Mal, wie schnell das Leben dann doch zu Ende gehen kann. Ein weiteres sehr inniges Verhältnis hatte ich mit einem mittelalten Gast, der durch seine Krankheit erschwert kommunizieren konnte, er mir trotzdem unermüdlich seine Lebens­geschichte über seine ABC-Tafel mitteilte. Das Besondere an dem Gast war, dass er mich an seinen letzten Tagen teilhaben ließ, um meine Gesellschaft bat, nur meine Hilfe bei seiner Pflege annehmen wollte und sich unglaublich für mein Leben interessierte. Was ich jedoch am meisten an ihm schätzte, war, dass er seine Krankheit nicht bekämpfte, sich nie beschwerte und sich seiner Situation anpasste. Der Abschied von diesem Gastes fiel mir unglaublich schwer und wurde zu einer der größten Heraus­forderungen für mich während meines Praktikums, gab mir im Nachhinein aber Kraft, da der Herr noch zuletzt meine Hand hielt und wir beide Tränen in den Augen hatten und uns gegenseitig für die Gesellschaft und Zuneigung des jeweils anderen bedankten.

Um mein Verständnis für den Tod ultimativ herauszufordern, bejahte ich die Frage, einen verstorbenen Gast verabschieden zu wollen. Sobald ich sein Zimmer betrat, traf mein Unverständ­nis und meine Angst auf Ruhe und das Gefühl von Erlösung. Denn ja, ich schaute einen Menschen an, dessen Brustkorb sich nicht mehr bewegte, der bleich wie Kreide war und einen undefinier­baren Gesichts­ausdruck hatte, aber plötzlich verstand ich, dass Leben und Tod nicht nur unglaublich nah, sondern beide auch endgültig und unendlich sind.
Etwas, das ich erst in dem Moment verstand war, dass wir immer unendlich leben werden, da wir existieren und zu existieren ist doch unendlich, oder nicht?! Mein Leben lang hatte ich Angst vor dem Tod, obwohl ich noch nicht einmal weiß, was kommt und genau das war der Punkt, an dem ich ruhig wurde und mich frei fühlte.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass meine Praktikumserfahrung mir menschlich weiter half und meinen Horizont um so viele Facetten erweiterte. Als ich das Hospiz am 21.06.2019 verließ, weinte ich. Ich weinte, um die verstorbenen Gäste, die zurückgebliebenden Familien und um die Ungerechtigkeit des Lebens – da das Leben für manche Menschen zu kurz ist.
Ich weinte vor Glück, da die Gäste zufrieden und friedlich ihre Ruhe vor ihrer neuen Reise gefunden hatten. Ich weinte, weil ich die Bedeutung des Lebens mir mehr zu Herzen nahm und ich jeden Tag, an dem ich gesund war, schätzte. Vor allem aber weinte ich, weil ich wusste, auch ich würde den Tod bei der Hand nehmen, egal wann er kommen sollte.

Meiner Meinung nach beschreiben diese Gedanken meine drei Wochen auf den Punkt genau. Wir lachten, wir weinten, wir genossen, wir redeten und wir vertrauten. Solange man keine Berührungsängste hat, sehr offen für neue Herausforderungen und Gefühle ist, ist ein Hospiz genau der richtige Ort für ein Praktikum.

Joelle Drechsler, S1 PuM