Sozialpraktikum der 10. Klassen

Für drei Wochen verbrachten alle Schülerinnen und Schüler der Klasse zehn vom 11.06. bis 28.06.2018 ein Prak­ti­kum in einer Förder­einrichtung für ältere Men­schen, Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Ein­schränkungen oder in anderen sozialen Ein­richtungen, die sich für andere Menschen einsetzen.

Austausch

Am Freitag, den 29.06.2018 tauschten sich alle klassen­weise über ihre gewonnenen Erfah­rungen aus und berichteten von ihrer Zeit in Alten- und Pflegeheimen, Behinderten­werkstätten, Kranken­häusern, Kinder­gärten und anderen Institutionen der Stadt Hamburg. Durch den Kontakt mit Bereichen, die zumeist außerhalb ihrer Lebens- und Erfahrungswelt lagen, haben sie eigene Stärken und Grenzen erfahren und somit ihre Selbst- und Sozial­kompetenz gesteigert. Diese Zeit bot den Schülerinnen und Schülern die Chance ihren Horizont zu erweitern, das soziale Umfeld unserer Stadt kennen­zu­lernen und sich im sozialen Bereich zu engagieren.

Zwei Tage später berichteten die 10. Klässler den 9. Klässlern von ihren neuen Erfahrungen und Eindrücken in einer Austauschrunde „9 trifft 10“ in der Aula. So bekamen die 9. Klässler schon zahlreiche Anregungen, wo sie im neuen Schuljahr einen Platz suchen könnten. (Lp)

Hier zwei kurze Berichte von zwei Schülern:

Sozialpraktikum in der Grundschule „An der Haake“

Mein Sozialpraktikum fand in der „An der Haake“ Grundschule statt. Ich erhielt in den drei Wochen beeindruckende Einblicke in zwei mir bisher mehr oder weniger unbekannte Welten. Erstens war das der Kosmos von Benachteiligten (Behinderten), ihrer Standhaftigkeit, ihren Betreuern, ihren Defiziten und von Sonderpädagogik. Zweitens war es der Stadtteil Neuwiedenthal: Ein Ort, der einem den krassen Unterschied zwischen arm und reich auf rührende Weise begreiflich macht.
Wenn man seit fünf Jahren keine Grundschule betreten hat, ist schwer einzuschätzen, was die Schüler können müssen und was nicht. Als ich meine erste Unterrichtsstunde in der 4D hatte, und mit Abdal, einem Jungen, der wie ich später erfahren sollte den IQ eines Zweitklässlers hatte, ausprobierte, wie häufig ein Viertel Liter Wasser in eine leere 1-Liter- Flasche passt, hielt ich ihn für ein Kind ohne besondere Lernprobleme. Viele der Schüler waren auf irgendwelche Weisen benachteiligt, von Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrations-schwäche, über Hyperaktivität zum Stottern. Das störte einerseits ihre Entwicklung im Unterricht und andererseits ihr Verhalten auf dem Schulhof.
Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse während des Praktikums war, dass eine Benachteiligung zwar die Entwicklung der Kinder im Unterricht und ihr soziales Verhalten beeinträchtigt, was dazu führt, dass sie gesellschaftlich meist abgesondert werden, aber keineswegs ihre inneren Werte, ihr Vertrauen in die Klassenlehrerin (und bald auch in mich), ihre Dankbarkeit und ihre Individualität stört. Diese Kinder haben natürlich ebenso Träume wie alle anderen, sie haben Fantasien und sind teilweise beeindruckende Persönlichkeiten. Mit der richtigen Behandlung leisten sie beinahe dasselbe wie unbenachteiligte Kinder. Und dennoch ist der rote Faden ihres Lebens an etlichen Punkten festgenagelt. Vor allem durch die aus ihrem Umfeld stammenden, beengenden Gegebenheiten.
Wenn ich an Neuwiedenthal denke, sehe ich 15-stöckige Sozialbauten vor mir, kleine, heruntergekommene Einfamilienhäuser und natürlich das moderne, freundliche Schulgebäude der Grundschule. Eine gute Stunde dauert die Fahrt vom Lattenkamp bis zum Stadtteil. Die Unterschiede sind groß. Ich konnte nach und nach Einblicke in das Privatleben einiger Schüler erlangen, was sehr gefühlsregend war. So gab es zum Beispiel Kinder, mit denen ich mich ganz normal unterhielt, die in Kinderhäusern lebten, oder auf andere Weise von ihren Eltern getrennt waren. Andere lebten zwar mit ihren Eltern zusammen, verbrachten allerdings nahezu keine Zeit mit ihnen, folglich fehlten ihnen Grundsätze der elterlichen Erziehung. Weitere Schüler und Schülerinnen waren wegen sprachlichen Barrieren nicht befähigt, dem Unterricht zu folgen, sprachen zum Beispiel fließend türkisch aber waren noch in der Anfangsphase des Deutschlernens. Am meisten gepackt hat mich der Fall eines Mädchens, das bis heute bei ihrer Tante lebt, weil ihre Eltern nicht aus der Türkei zurückkehren dürfen.
In Deutschland geboren waren von den 22 Kindern in meiner Klasse nur eine Hand voll. Man fragte auch mich, aus welchem Land ich komme, und als ich „Aus Deutschland…“ antwortete, starrte man mich ungläubig an. Beeindruckend finde ich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Akzeptanz sich die Schüler aus sehr ver­schiedenen Familien begegnen. Sehr offen und positiv konnten sie über Hautfarbe, Religion und Herkunft sprechen. Streit kam vielmehr auf, wenn jemand sich beim Fußballturnier für die Klasse nicht richtig angestrengt hatte. Allerdings war durch die fehlende Erziehung teilweise nicht die Akzeptanz von Benachteiligten gewährleistet, sodass diese hin und wieder offen angefeindet wurden.
Die Schule stellt für die Kinder ein zweites Zuhause dar. Eines, in dem sie Spaß haben, lernen, Neues erleben und miteinander lachen können. Oftmals ist ihr privates Leben sehr ernst und anstrengend, doch sie leisten unglaubliche Arbeit, ihre Positivität und Hoffnung zu erhalten. Traurig ist es nur zu wissen, dass sie, realistisch gesehen, für ihr Alter unzureichende Leistungen erbringen. Sie haben lange nicht dieselben Chancen wie ich sie am Ende der vierten Klasse hatte, vor allem aufgrund von Geld. Ich glaube fest daran, dass der Staat sehr viel mehr für die Bildung von Benach­teiligten, als auch für den Ausgleich des Reichtumsgefälles von Region zu Region tun könnte und dringend sollte. Es war sehr schön und gleichzeitig ernüchternd, die 4D für drei Wochen zu begleiten. Als ich die Schule am letzten Tag verließ, ging ich mit einer Träne im Auge und einem ganzen Rucksack voller neuer Erfahrungen.
Kaspar A. Lübbert, 10c jetzt S1 MGN

Mein Sozialpraktikum im Kindergarten

Als erstmals das Thema Sozialpraktikum aufkam, wusste ich direkt welchen Be­reich ich mir anschauen wollte. Mein Wunsch, in eine Inte­grations­kita zu gehen, kam daher, dass ich sehr gerne mit Kindern zusammen­arbeite. Außerdem habe ich durch meine Familie sowohl Erfahrun­gen mit alten als auch mit jungen Menschen gemacht. Ich persön­lich dachte, dass ich in einem Kinder­garten mehr unter­stützen kann und selbstständig arbeiten kann. Bei meiner Suche nach einem Praktikums­platz im Herbst habe ich leider auch mit Absagen rechnen müssen, da schon viele Sozial­praktika vergeben wurden. Letztendlich hatte ich Glück und wurde in eine Integrations­kita in meiner Nähe zu einem Vorstellungs­gespräch eingeladen. Dieses Gespräch und meine schriftliche Bewerbung hat mir dann meinen Parktikums­platz verschafft.
Mein Praktikumstag fing um 9.00 Uhr an und endete um 15.00 Uhr. Wenn ich morgens ankam, habe ich erst einmal mit den Kindern gespielt, bis dann um 9.30 Uhr Aufräumzeit war, weil es danach zu einem Morgenkreis ging. Bei dem Morgenkreis wurden die Kinder in zwei Gruppen eingeteilt, die ein- bis dreijährigen Kinder und die drei- bis sechsjährigen Kinder. Im Morgen­kreis wurden dann Lieder gesungen und Spiele gespielt, sowohl auf Deutsch, als auch auf Englisch, da es eine bilinguale Kita war. Deshalb gab es Erzieher, die nur auf Englisch mit den Kindern gesprochen haben.
In der Kita gab es ansonsten nur noch beim Essen eine Unter­scheidung des Alters, sonst waren die 40 Kinder gleichmäßig in die Räume mit ver­schiedenen Spiel­sachen und Angeboten aufgeteilt, dabei hatten die Kinder aber Mitsprache­recht. Bei gutem Wetter ging es auch raus in den Garten. Beim Essen wurde auch sehr auf Allergien und sonstige Essens­un­verträg­lich­keiten oder Wünsche geachtet. Nach dem Essen der kleinen Kinder war Schlafens­zeit für diese. Dafür gab es einen Raum mit Matratzen. Man hat sich zu den Kindern gelegt und ihnen beim Ein­schlafen geholfen. Danach konnte man wieder mit den älteren Kindern in den ver­schiedenen Räumen spielen. Einen Unterschied zwischen den behinderten und nicht be­hinderten Kindern gab es kaum. Die Kinder mit Behinderung brauchten eine stärkere Aufsicht und auch mehr Aufmerk­samkeit, außerdem hatten sie zwischendurch auch ver­schiedene Therapien. Trotzdem konnte man mit ihnen genauso gut spielen und ähnlich umgehen. Rückblickend finde ich ein Sozial­praktikum sehr sinnvoll, vor allem da nicht jeder die Chance hat durch seine Familie in verschiedene Bereiche Einblick zu bekommen. Es hat mir viel Spaß gemacht und man kann das eine oder andere für seine Zukunft mitnehmen, vor allem die Sozial­fähigkeiten, die in jedem Beruf eine Rolle spielen.

Theresa Boelter (10d, jetzt S1 EuF)